Interview mit Julia Leutloff von Hauptsache Bildung

7. November 2012

Die Redakteurin Julia Leutloff von Hauptsache Bildung im Interview mit karriereblog.net über den Wandel in der Arbeitswelt, einer Einschätzung zu den Werten in Unternehmen und ein kleiner Anschnitt zum Thema HR

Guten Tag Frau Leutloff, vorweg schon einmal vielen Dank, dass Sie sich Zeit für ein kurzes Interview nehmen. 
Hallo Herr Eggersberger, ich freue mich auf das Gespräch!

Gerade haben Sie die Themenwoche „Werte“ mit vielen lesenswerten Artikeln und Interviews hinter sich gebracht, wie lautet hierzu Ihr Fazit?
Vor allem, dass das Thema Werte in der letzten Zeit stärker in den Fokus rückt, und dass nicht nur auf unternehmerischer Seite, sondern in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Ich glaube, es hat sich in den letzten Jahren tatsächlich ein Wandel vollzogen, der die Wichtigkeit von Werten und Wertevermittlung wieder deutlich gemacht hat.
Wir haben mit vielen Leuten und Experten gesprochen, die sich konkret für eine stärkere Bewusstmachung von Werten und das Leben von Werten einsetzen – auf privater Ebene, im pädagogischen Bereich, aber natürlich auch in der Wirtschaft.

Glauben Sie, dass Werte gegenüber den Mitarbeitern in Unternehmen heute weniger zählen als vor einigen Jahren oder gar Jahrzehnten?
Nein, das glaube ich nicht. Vielleicht ist einiges in den letzten Jahren vernachlässigt worden, aber ich glaube, dass gerade aktuell und auch zukünftig das Thema Wertschätzung von Mitarbeitern wieder wichtiger wird. Und damit meine ich nicht, dass sich Unternehmen einfach gewisse Werte auf die Fahnen schreiben und einen Wertekodex anfertigen, mit dem sie nach außen hin vielleicht werben, aber nach innen hin – in der Unternehmenskultur und -struktur – nichts anfangen können.
Was vielen Unternehmen noch fehlt, ist ein offener Dialog mit Mitarbeitern, Betriebsrat und Führungsetage, um die tatsächlichen Unternehmenswerte überhaupt zu definieren. Nur wenn hier ein annähernder Konsens herrscht, wird die tatsächliche Umsetzung eines Wertekodex auf allen Ebenen funktionieren können.

Gerade die menschliche Komponente ist doch das, was oftmals fehlt: der Arbeitnehmer wird auf eine Zahl reduziert, die Geld kostet und Leistung bringt. Was läuft schief? 
Dieser Gedanke hat die Wirtschaft und viele Unternehmen vermutlich lange angetrieben. Aber es ist eindeutig der falsche Ansatz, der sich auch wandeln wird. Wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter nur auf Zahlen und Gewinn reduzieren, dann werden sie m. M. nach langfristig keinen Erfolg mehr haben.
Denn wenn man bei dem Thema Zahlen einmal bleibt: Laut Berechnung der London School of Economics verursachen psychische Erkrankungen derzeit jährliche Kosten von 136 Milliarden Euro in der Europäischen Union. In Deutschland liegt der jährliche Produktionsausfall durch psychosomatische Erkrankungen laut AOK Studie derzeit bei 53 Millionen Arbeitstagen mit steigender Tendenz. Unternehmen werden es sich also schlichtweg schon mittelfristig nicht mehr leisten können, ihre Mitarbeiter zu „verheizen“.
Aber machen wir uns nichts vor, am Ende des Tages hängt Wertschätzung im Betrieb immer vom klar erkennbaren Mehrwert für das Unternehmen ab. Aber genau hier liegt vielleicht das größte Missverständnis: Denn wer einen wertschätzenden Umgang mit seinen Mitarbeitern pflegt, wer als Führungskraft für Werte einsteht und diese tagtäglich vorlebt, wer glaubhaft auf die Bedürfnisse und Wertvorstellungen der Mitarbeiter eingeht – genau der wird zufriedenere, gesündere und auch produktivere Mitarbeiter haben, die letztendlich den Erfolg des Unternehmens sichern.

Kleiner Themenschwenk: Wir waren letzte Woche auf dem HRMC, Sie kurz zuvor auf der „Zukunft Personal“: wo und wie sehen Sie den Arbeitsmarkt in naher Zukunft? 
Wir sind ja mit der Frage an die Experten herangetreten, wie sich der Arbeitsmarkt in 5 Jahren verändern wird – also ein noch fernerer Blick in die Zukunft des Arbeitsmarkts. Allerdings ist die Tendenz eindeutig zu erkennen und war auch Tenor bei den Befragten: Der Arbeitgebermarkt wird sich hin zu einem Arbeitnehmermarkt entwickeln. Und das spielt ja auch wieder auf das oben Angesprochene an, bzw. beinhaltet Schlagwörter wie „Demografischer Wandel“, „Fachkräftemangel“ und „War for Talents“.
Arbeitskräfte werden weniger und Unternehmen müssen zukünftig immer mehr Energie aufwenden, nicht nur geeignetes Personal zu finden, sondern es auch zu halten. Die sogenannte Generation Y, die jetzt auf den Arbeitsmarkt strömt, möchte mehr als einen Job – sie möchte eine Arbeit, mit der sie sich identifizieren kann und wo sie für sich und andere auch tatsächlich einen Mehrwert sieht. Selbstverwirklichung, Flexibilität und Work-Life-Balance sind dazu einige Stichwörter, die bei unseren Interviewpartnern gefallen sind. Unternehmen werden nicht nur solche Angebote schaffen, sondern sie auch als Vorteile dementsprechend auf allen Kanälen kommunizieren müssen.
Der Aufbau einer Firma zur attraktiven Arbeitgebermarke, das sogenannte Employer Branding, wird dementsprechend in Zukunft eine noch wichtigere Rolle spielen. Was Bewerber in Zukunft übrigens auf dem Arbeitsmarkt mitbringen sollten, haben wir in einem kleinen Video zusammengestellt:

In diesem Sinne – vielen Dank für das Interview!