Die moderne Arbeitswelt und ihre Grenzen – MEINUNG

13. September 2012

MEINUNG Ausbildung, Karriere machen, wohlverdiente Rente – und das alles in derselben Firma. Von diesem Bild hat sich die Generation Praktikum längst verabschiedet, sollte sie es überhaupt je besessen haben. Flexibel und dynamisch muss das Berufsleben sein, selbst wenn es der Arbeitnehmer gar nicht möchte.

Wenn mein Großvater erzählt, wie er damals zu seiner Ausbildungsstelle und später in das Berufsleben kam, könnte ich fast ein wenig neidisch sein, „auf die gute alte Zeit“. Er kam, sah – und bekam den Job. Heute höre ich im Bekanntenkreis von der x-ten Absage trotz guter Noten und bescheidenen Gehaltsvorstellungen.

Alt und neu: die Vorstellung
der Arbeitswelt // Symbolbild

Auch die Führung durch eine große und bekannte Privatbrauerei ließ mich vor geraumer Zeit staunen: eine lange Wand nur voll mit Auszeichnungen: hier werden Mitarbeiter geehrt, die 25, 30, teils sogar 50 Jahre Betriebszugehörigkeit vorweisen. 50 Jahre. In demselben Betrieb. Wow.

Meine Spurensuche
Doch was hat sich so stark verändert, dass es heute ganz normal ist, mehr als nur ein-, zweimal im Berufsleben den Arbeitgeber zu wechseln? Von den persönlichen Motiven der einzelnen Menschen, sich selbst zu verwirklichen und ändern, einmal abgesehen, mache ich auch die Unternehmen selbst verantwortlich: von Beratungsfirmen auf Effizienz geschult, ist der Arbeitnehmer heute mehr Leistungserbringer als Mensch, die Arbeitskraft nur noch eine Nummer und keine Persönlichkeit. Weiter kommt, wer das System versteht, welches auf Zahlen statt Kompetenz setzt.

Zugegeben, wie lässt sich messen, ob ein Mitarbeiter wirklich kompetent, engagiert und ein Gewinn für die Firma ist? Im Vertrieb anhand von Absatzzahlen? In der Buchhaltung dank geringster Fehlerquote? Wir sind fokussiert auf valide Zahlen, Statistiken und Ergebnisse. Wir vergessen aber das Wichtigste: unser Bauchgefühl.

Soziale Marktwirtschaft nicht sozial genug?
Das beste Beispiel dieser Tage ist eine große Fluglinie: das Unternehmen spart in den kommenden Jahren weiter Personalkosten ein, um den Gewinn weiter zu steigern. Nicht, dass das Unternehmen in der Verlustzone wäre und versuchen muss, hier wieder raus zu kommen. Es geht darum, den Erwartungen von Analysten und Anlegern zu entsprechen. Doch wie erklärt man einem denkenden Menschen, dass Mitarbeiter A weniger verdienen soll als Mitarbeiter B, trotz gleichen Alters, gleichlanger Betriebszugehörigkeit und gleicher Arbeit? Das geht nicht. Und doch ist genau das Realität: Lohndumping durch Outsourcing.

Ein Unternehmen will für die gleiche Arbeit weniger zahlen und lagert die Tätigkeit über eine Leiharbeitsfirma aus, welche dafür wiederrum bezahlt wird. Also Kostensenkung für das Unternehmen und Gewinn für die Leiharbeitsfirma – diese Rechnung kann nur dann aufgehen, wenn wo anders eingespart wird: bei denen, die die Arbeit letztlich verrichten. Das ist pervers.

Weniger und Mehr: flexible Arbeitswelt // Symbolbild

Keine Frage: wirtschaftlich ist es durchaus notwendig und sinnvoll, auf Leiharbeit, kurzfristige Anstellungen mit Ein-Jahres-Verträgen und Co. zurückzugreifen, dafür wurden diese Mittel ja auch ins Leben gerufen. Doch der exzessive Gebrauch dieser Hilfsmittel in den letzten – und leider auch kommenden Jahren – bereitet mir Kopfzerbrechen. Denen, die davon richtig betroffen sind, noch weitaus mehr: Burnout, Stress, und Depressionen werden heute mehr denn je durch Sparwahn, Ungewissheit wegen zeitlich beschränkten Arbeitsverträgen und Stress, gesteckte Ziele unbedingt zu erfüllen, gefördert.

Hoffnung
Wird die jetzige Generation Praktikum, wenn es in zwei, drei Jahrzehnten so weit ist, auch nach den heutigen Maximen handeln? Gewinn- und Umsatzzahlen als einziger Indikator für ein gesundes Unternehmen? Ich hoffe nicht. Ich hoffe, wir sehen und erleben jetzt, wie es nicht gemacht werden sollte, um es später selber besser zu machen. Ich hoffe, Unternehmen schreiben sich eine langfristig angelegte Firmenpolitik auf die Fahne, welche die Zufriedenheit und Loyalität der Mitarbeiter fördert und sie wieder als das wahrnehmen, was sie eigentlich sind: das wirkliche Kapital des Unternehmens.
Natürlich gibt es bereits heute solche Firmen, doch die Anzahl finde ich definitiv zu überschaubar.