Bewerbung: Freunde als Referenz

4. Juni 2014

Mit bester Empfehlung – Referenzen werten Bewerbungen auf. Im Normalfall sind diese aber aus dem beruflichen Umfeld. Ehemalige Chefs und Kollegen äußern sich zur Arbeitsleistung eines Bewerbers. Doch inzwischen gehen Personaler noch einen Schritt weiter: Freunde werden nach den Kompetenzen der Bewerber gefragt. Nur ein falsches Wort und vorbei könnte der Traum vom neuen Job sein.

Foto-Credits: bpsusf / flickr

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Tipps für die perfekte Bewerbung gibt es zahllose und Literatur für die passende Antwort auf jede Frage im Vorstellungsgespräch ist geradezu endlos. Die Bewerber verlieren an Authentizität. Das findet zumindest Horst Stemmer, Personalleiter von Servier Deutschland, wie er im Interview mit dem KarriereSPIEGEL verlauten lässt.

Gute Freunde – gute Referenz?

Das Pharmaunternehmen hat sich deshalb für die Einstellung neuem Personals etwas neues ausgedacht: Jeder Bewerber muss insgesamt sechs Referenzen angeben, drei berufliche und drei private oder persönliche – also Freunde.
Verena Töpper, Redakteurin beim KarriereSPIEGEL, fungierte als solche Referenz für ihre Freundin Lena, die daraufhin gefeuert wurde.

Pflichtbewusst bereitete sich die Redakteurin auf das Gespräch vor. Die Fragen ähneln denen aus herkömmlichen Vorstellungsgesprächen und nach wenigen Minuten ist das Telefonat vorbei. Töpper hat ein gutes Gefühl, doch die Ernüchterung folgt einige Tage später.

Die Referenzprüfer fassen alle Ergebnisse zusammen und geben ein Urteil weiter: Referenz war positiv oder eben negativ. Bei letzteren wird sich gegen den Bewerber entschieden. Dies sei laut Stemmer nur sehr selten der Fall. Außerdem gab die Firma an, dass die Referenzen nicht allein den Ausschlag für eine Entscheidung geben.

Kritik aus Personaler-Kreisen

Experten aus dem Personalwesen sehen diese Art des personalen Rekrutierens eher kritisch. „Diese Art von Referenz hat wenig Aussagekraft“, sagt Tiemo Kracht, Chef-Personalberater von Kienbaum. Freunde hätten zu wenig Einblick in das berufliche Leben des Bewerbers und könnten viele Anforderungen und Fähigkeiten nicht richtig einschätzen.

Bewerbungsexperte Jürgen Hesse war im SPIEGEL-Job-Interview geradezu erschüttert: „ Da bin ich baff. Arbeitgeber verlangen jetzt häufiger Referenzen, aber berufliche: Ein, zwei ehemalige Vorgesetzte sollen über Bewerber Auskunft geben.“
Referenzen zu verlangen ist inzwischen schon fast normal geworden, denn viele Personaler trauen den Arbeitszeugnissen nicht, da sie zu sehr standardisiert werden.
Eine Möglichkeit, wie man dieser Prozedur entkommen kann, sieht Hesse allerdings nicht: „Wer den Job haben will, hat keine andere Wahl, als gute Miene zu diesem dummen Spiel zu machen.“

Die Bewerber-Recherche im Web, besonders in sozialen Netzwerken ist inzwischen auch Gang und Gebe. Wohin soll das nur führen? Das fragt sich auch der Bewerbungsexperte: „Was werden sie in zehn Jahren verlangen – einen Gentest?“

Das gesamte Interview mit Jürgen Hesse in SPIEGEL JOB.